Leserbrief zu den Ereignissen am Reichstag

Veröffentlicht am 01.09.2020 in Ortsverein

"Wie viele Warnsignale braucht es noch?

Das Drehbuch ist schon gut 90 Jahre alt, die Realisation mit dem österreichischen Kunstmaler Adolf Hitler als Hauptdarsteller erfolgte im Frühjahr 1933. Der Erfolg dieses Dramas war buchstäblich durchschlagend. Innerhalb kürzester Zeit lag die erste deutsche Demokratie in Trümmern; der Brand des Reichstags in Berlin - Symbol der Volkssouveränität – lieferte eine makabre Beleuchtung des Drehortes."

Bernd Rottenecker hat diesen Leserbrief verfasst und uns zur Verfügung gestellt!

Bernd Rottenecker, Hohberg, den 31. 8. 2020

Leserbrief zum Artikel

„Ohne Abstand, auch nach Rechts“ in der BZ vom 29. 8. 2020,Seite 2

Wie viele Warnsignale braucht es noch?"

Das Drehbuch ist schon gut 90 Jahre alt, die Realisation mit dem österreichischen Kunstmaler Adolf Hitler als Hauptdarsteller erfolgte im Frühjahr 1933. Der Erfolg dieses Dramas war buchstäblich durchschlagend. Innerhalb kürzester Zeit lag die erste deutsche Demokratie in Trümmern; der Brand des Reichstags in Berlin - Symbol der Volkssouveränität – lieferte eine makabre Beleuchtung des Drehortes.

Haben wir am gestrigen Sonntag mit der „Erstürmung“ des wiedererbauten Reichtags die Proben zu einem Remake des Filmes „ Die Machtregreifung“ mit Hilfe rechtsradikaler Reichsbürger und AfD - Anhänger erlebt?

Während das Fußvolk auf der Straße und vor dem Parlament Randale machte und die Reichsflagge hisste, bemühte sich die „bürgerliche“ Führungsspitze der AfD um scheinbare Distanz und Relativierung. So äußerte sich die Bundessprecherin der AfD, Beatrix von Storch - immerhin eine geborene Herzogin von Oldenburg - in der Tagsschau: „ Wir wollen den Reichstag nicht stürmen, wir lassen uns hinein wählen.“

Auch für diese Szene gibt es eine historische Drehbuchvorlage. So äußerte sich Joseph Goebbels 1928 im NSDAP-Blatt Völkischer Beobachter: „ Wir gehen in den Reichstag hinein, um uns im Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen“. Dieser Plan hat vorzüglich geklappt; Hitler wurde im Januar 1933 Reichskanzler und in der Märzwahl desselben Jahres erreichte die NSDAP 43,9%. Das Sahnehäubchen zur Machtvollkommenheit des Führers lieferten die bürgerlichen Parteien (die SPD stimmte dagegen) im Reichstag, die das Land schon viele Jahrzehnte alternativlos regieren: mit dem Ermächtigungsgesetz vom März 1933 haben sie sich selbst entmachtet.

Das Trauerspiel um die Wahl des Thüringischen „Ministerpräsidenten“ Kemmerich vor ein paar Monaten stimmt nachdenklich. Und könnte dem heutigen rechten Lager mit dem Veganer Attila Hildmann nicht gelingen, was vor Jahrzehnten mit dem Vegetarier Adolf Hitler Erfolg hatte?

Ich bin ich mir nicht sicher, ob die konservativ - bürgerlichen Eliten und deren politischen Interessenvertreter wirklich den Willen und den „Bums“ haben, diesen Machenschaften mehr als ein paar besorgte Sätze hinterher zu schicken, wie es z. B. Bundestagspräsident Schäuble getan hat. Unser demokratischer Rechtsstaat muss nicht nur vor dem Parlamentsgebäude verteidigt werden und er hätte mehr und mutigere Verteidiger verdient.

 

     

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